Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich diesen Text schreiben soll, denn es ist ein zutiefst unangenehmes Gefühl, die eigene Verwundbarkeit wieder zur Schau zu stellen. Ich kenne das Gefühl, einem Millionenpublikum ausgesetzt zu sein.

Deshalb weiß ich, was auf die Darsteller des Films „Das fast normale Leben“ zukommt.

Stell dir vor, du gehst auf ein Date. Du hast dir vorgenommen, einfach du selbst zu sein, aber während du dein Gegenüber anlächelst, sitzt ein Dritter mit am Tisch: Google.

Jeder Blick des Gegenübers wird zum Rätsel. Hat sie mich gegoogelt? Meinen Namen irgendwo eingetippt? So wird aus jedem neuen Kennenlernen ein Abgleich: der Vergleich zwischen dem Mann, der ich heute bin, und der Person, die ich vor 13 Jahren war, als ich zerbrochen war. Jeder unvermeidbare Erklärversuch – der irgendwann kommen muss – wird zur Verteidigungsrede gegen mein eigenes digitales Abbild. Man wird nicht einfach kennengelernt; man wird mit dem Moment abgeglichen, in dem man am schwächsten war.

Ich habe im Laufe meines Lebens oft darüber nachgedacht, einfach alles löschen zu lassen.
Entscheide mich aber immer dagegen, weil das was ich tat und sagte, wichtig war. Viele Menschen sehen mich durch ein Fenster der Zeit: als diesen gebrochenen Menschen, der von Folter und Demütigung berichtet. Was das mit ihm gemacht hat.

Doch für mich lief die Zeit weiter, mein digitales Abbild wurde mir immer fremder. Die Vergangenheit liegt tot und unveränderbar hinter mir, doch ich? Ich war nicht tot. Ich habe mich weiterentwickelt. Gelebt. Doch für viele bin ich kein Mensch mit Zukunft, sondern oft nur ein Archiv für die Vergangenheit.

Es gibt Dokumentationen, Bücher und Theaterstücke, in denen Bruchstücke meines Lebens nachgespielt werden. Es gibt Krimiserien im ZDF, die sich ungefragt meiner Geschichte bedienten. Es existieren tiefenpsychologische Analysen von Fachleuten, die mein Innerstes anhand meiner Texte seziert haben, ohne mich je gefragt zu haben, ob ich das denn eigentlich will. Alles nur einen Mausklick entfernt.

Es ist die Enteignung des eigenen Narrativs. Aber ich habe mich als Erwachsener dafür entschieden, an die Öffentlichkeit zu gehen. Niemand nahm mir diese Entscheidung ab.

Wenn ich vor diesem Hintergrund sehe, wie diese jungen Mädchen für den Film „Das fast normale Leben“ instrumentalisiert werden, wird mir mulmig. Es gibt in einem Wohnheim keine „Freiwilligkeit auf Augenhöhe“ – sondern Anpassung. Wenn jemand über deinen Kopf hinweg bestimmt, wie du konform zu sein hast, wenn du in eine Form gepresst, problematisiert oder sanktioniert wirst, sobald du aus der Reihe tanzt, dann sagst du nicht einfach „Nein“, wenn sie einen Film drehen wollen. Offenbar ist ihnen dieser Film wichtiger als dein Wohlergehen. Das ist Anpassung unter Druck.

Und mir drängt sich bei all dem immer wieder eine Frage auf: Wie kann es sein, dass keiner von den Erwachsenen „STOPP!“ geschrien hat? Es werden Schutzräume für eine mediale Inszenierung geopfert, die am Ende – und seien wir mal ehrlich – nur eines ist: PR für den Betreiber. Diese Kinder und Jugendlichen werden mit einem digitalen Brandmal zurückgelassen, das sie ein Leben lang begleiten wird. Den Preis dafür zahlen die Schutzbefohlenen und nicht die Zuschauer.
In Raten. Für den Rest ihres Lebens.

In zehn Jahren werden sie vermutlich bei einem Bewerbungsgespräch sitzen oder auf ein Date gehen und vielleicht sogar dieselbe Angst spüren, die ich heute spüre, wenn ich jemand Neues kennenlerne.

Nur mit einem entscheidenden und wichtigen Unterschied: Sie hatten nie die Wahl, diesen Weg als Erwachsene selbst zu wählen. Ich schon.

Wer Kindern die vollständige Kontrolle über ihre eigene Geschichte nimmt, bevor sie überhaupt erwachsen geworden sind, tut ihnen ein unglaubliches Unrecht an. Wer das zulässt, zerstört ihre Chance, jemals wieder wirklich neu anzufangen.

Wahrer, echter Kinderschutz bedeutet nicht, Kindern eine Bühne zu geben, sondern ihnen das Recht auf einen Schatten zu bewahren, in dem sie wachsen können, ohne dass die Welt ihnen dabei für immer zuschaut. Der Schatten ist Schutzraum, ein Ort der Intimität und des ungestörten Wachstums.

Und ich mache die Verantwortlichen dafür verantwortlich, ihnen diesen behütenden Schatten genommen zu haben.

Renzo